Grünschnack „Sind wir ein Volk? – Zusammenhalt, Demokratie und Vielfalt im ländlichen Raum“

Grünschnack Bollewick SInd wir ein Volk?

Am 17. August 2026 fand in der Scheune Bollewick ein Grünschnack mit 25 Teilnehmenden statt zum Thema: Wie gelingt Zusammenhalt in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten oft von Polarisierung geprägt sind? Was verbindet Menschen im ländlichen Raum und wie können unterschiedliche Meinungen wieder stärker miteinander ins Gespräch kommen?

Stephan Bickhardt, Mitbegründer von „Demokratie Jetzt“ und ehemaliger Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen erinnerte mit einem Impulsvortrag an den Ursprung des Rufes „Wir sind das Volk“ auf der Demonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989, der sich an die massiv aufgebotenen Truppen der Volkspolizei richtete: „Wir sind das Volk! Uns müsst ihr schützen!“ Danach spannte er einen philosophischen Bogen von damals zu heute und betonte immer wieder, dass es in der Demokratie auf Initiative und Rücksicht ankomme. So mögen wir die Bürger sein und unsere Rechte kennen, aber eben auch die der Anderen! Dass wenn ich dazugehören will, es aber auch gilt, den Anderen die „Dazugehörigkeit“ zu ermöglichen – das ist Zusammenhalt. Wir schließen uns aus, indem wir andere ausschließen. Deshalb sind Vielfalt und Pluralismus wesentlich. Und in unserem Staatsgebilde heißt dies u.a. auch Förderalismus.

Aus seiner Sicht empfinden in unserer Gesellschaft viele Menschen Scham und Angst. Und Menschen, die ihren Stolz verloren haben, bringen ihre Wut & Frust oft auf zweifelhafte Weise zum Ausdruck.

Als entscheidende Maßnahme empfahl er die Bildung von kleinen Gemeinschaften, die neue Initiativen mit Durchhaltekraft entwickeln.

Bertold Meyer, ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Bollewick beschrieb die intensive Nachwendephase. Was wir heute als die wunderschöne Feldsteinscheune erleben dürfen, begann mit einem bis dato unbekannten Begriff: Altlast. Und „Lass Dir Mal eine Altlast schenken“ scherzte er in die Vergangenheit zurückblickend.

Als schwierig empfand er auch, dass in der DDR die „Vorfahren alle als Verbrecher galten“, weil alles neu und anderes gemacht werden sollte. Deshalb gab es keine Pflege von Traditionen, kein Anknüpfen an die Errungenschaften in der Vergangenheit. 

Rückblickend riet er, sich nicht zu viel auf einmal vorzunehmen und sich darauf einzustellen, lang genug durchzuhalten. Und auch wenn Erfolge erzielt werden konnten, muss Vertrauen für jedes neue Projekt immer wieder neu aufgebaut werden.

Der heute oft anzutreffende Frust entsteht aus der Frage, wie wir in Zukunft leben wollen und der Überforderung mit der Geschwindigkeit der aktuellen oder eigentlich notwendigen Transformationsprozesse.

Insofern waren Zuversicht, Umsetzen der angekündigten Vorhaben, Verlässlichkeit und Ehrlichkeit sein wichtigster Rat.

Für Antje Styskal, die aktuelle Bürgermeisterin der Gemeinde Bollewick und Nachfolgerin von Bertold Meyer, kam die Wende zur richtigen Zeit, um ihren Weg ohne Begrenzungen gehen zu können. Heute stört sie die „Projektitis“, der Aufwand, um irgendeine Massnahme umsetzen und finanzieren zu können. Grundsätzlich sollte die Verwaltung in die Lage versetzt werden, zu ermöglichen – was auch die Fähigkeit und Möglichkeit zu eigenen Entscheidungen und finanziellen Spielraum bedeutet.  

Zum Abschluss war ihre wichtigste Empfehlung, Mut zu haben, Dinge zu wagen.

In der anschliessenden Diskussion wurde u.a. auf das nötige zivile Engagement auch unabhängig vom Staat hingewiesen. Auf die Frage nach den damaligen Gefühlen betonte der ehemalige Bürgermeister von Malchow, Joachim Stein, dass er als neuer Bürgermeister direkt nach der Wende gar keine Zeit für Wut hatte – die anstehenden, vielfältigen Probleme und Aufgaben mussten angepackt und gelöst werden.

Sonja Suntrup wünschte sich mehr Bürgerräte aus zufällig ausgesuchten Bürgern/innen, um die Mitwirkung / Mitgestaltung der Bürgerschaft zu stärken.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Ines Balke, Sprecherin des Kreisverbandes Mecklenburgische Seenplatte. Die Initiative und Organisation lag beim Ortsverband Röbel.

v.l.n.r.: Ines Balke, Antje Styskal, Bertold Meyer, Stephan Bickhardt

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